Samstag, 12. Februar 2011

Liebesbriefe ohne Empfänger

Er ließ den Brief durch seine Finger gleiten. Eva stand mit Bleistift auf dem Umschlag geschrieben. Er öffnete ihn und las. Einmal, und ein zweites Mal. Als er die altbekannten Zeilen gelesen hatte, sprach er gereizt zu sich selbst. „Was für eine Scheiße habe ich da bloß zusammengeschrieben.“ Als fürchte er die vier Wände seines Zimmers könnten ihm zustimmen, blickte er verstohlen von dem Brief auf und schaute sich um. Ärger klang aus seiner Stimme, doch sein Tun sprach von etwas anderem. Resignation? Verzweiflung vielleicht?
Er ging zum Fenster. Blickte hinaus auf kahle Bäume die umzingelt waren von grauen Fassaden. Erneut versuchte er seine Gedanken zu kanalisieren, ihnen irgendwie Ausdruck zu verleihen, in der Hoffnung er könnte sie dann packen und aus dem Fenster schmeißen. Wieder erklang die verärgerte Stimme im Raum. „Ein Haufen Unsinn, geschrieben von einem liebestollen naiven Idioten.“ Wieder keine Antwort. Der Widerhall klang fremd in seinem Ohr, als kokettiere er mit einer Wut die er nicht empfand. Alle Wut und Verzweiflung, alle Verärgerung die in seiner Stimme lag richtete sich immer wieder gegen ihn selbst. Seine Stimme war ihm fremd. Die nahen Wände waren nicht bereit ihren Ärger zu schlucken und auch der kahle Baum vor seinem Fenster wollte sich keine Schuld auf die dürren Äste laden lassen. Sie schleuderten seine Schuldzuweisungen unverändert zurück, ohne ihnen auch nur einen kleinen Teil ihres selbstzerstörerischen Potenzials abgenommen zu haben.
Er fasste den Entschluss den Brief zu zerreißen. Geruhsam faltete er ihn wieder zusammen, steckte ihn in seinen Briefumschlag zurück und riss ihn in der Mitte durch. Wieder und wieder. Die verbleibenden Fetzen legte er auf eines der Bücher, die auf seinem Schreibtisch lagen. Einige Überbleibsel des mit Bleistift dahingekritzelten Namens waren noch zu erkennen. Er löschte das Licht der Schreibtischlampe und legte sich hin. Er sollte diese Nacht noch lange keinen Schlaf finden können.
Am nächsten Morgen beförderte er die Fetzen des Briefes, der ihn gestern so aufwühlte und nun erneut drohend in sein Blickfeld geriet, in den Papierkorb. Die Überbleibsel des Briefes gesellten sich zu halb verrotteten Obstresten und alten Einkaufszetteln.
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Die Phiole des Homunkulus

"Gib nach dem löblichen Verlangen - Von vorn die Schöpfung anzufangen, - Zu raschem Wirken sei bereit! - Da regst du dich nach ewigen Normen, - Durch tausend abertausend Formen, - Und bis zum Menschen hast du Zeit."

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