Donnerstag, 15. März 2012

...

„Wir haben eine Welt gekannt, wir haben eine Welt erlebt (und als Kinder daran teilgehabt), in der ein Mensch, der sich mit seiner Armut abfand, in dieser Armut zumindest Sicherheit fand. Es war eine Art stillschweigender Kontrakt zwischen dem Menschen und dem Schicksal, und vor dem Anbruch der modernen Zeiten hatte das Schicksal diesen Vertrag nie gebrochen. Man wusste, dass man alles aufs Spiel setzte, wenn man einer Laune folgte, seiner Willkür nachgab, wenn man im Spiel sein Glück suchte, wenn man der Armut entkommen wollte. Wer im Spiel sein Glück suchte, konnte verlieren. Wer sich aber auf dieses Spiel nicht einließ, hatte nichts zu verlieren. Sie konnten nicht ahnen, dass eine Zeit anbrechen würde, dass sie – die moderne Zeit nämlich – schon gekommen war, in der man, wenn man nicht spielt, immer verliert und noch sicherer verliert, als wenn man spielt.“

(Charles Péguy: Geld (L’Argent, 1912). Zitiert nach: Boltanski, Luc/ Chiapello, Eve: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz 2006, S. 19.)

Mittwoch, 7. März 2012

Die verhurte Zeit

Ach, die Zeit ist eine muntre Hure,
die mit Tändelei und Spiel hausiert.
Du! Der im Gewebe der feinsten
Illusionen alle Schwere verliert
Und glaubt sie los zu sein. Siehe!
wie sie deine Hingabe verhehlt,
Wo sie, noch in den süßesten
Stunden, jede angebroch’ne zählt.

In dieser Zeit wird jede Mußestunde
nur erkauft, in faulen Kompromissen.
Aus Hingabe wird Kalkül, und jede
Vernunft der Leidenschaft entrissen.
Entrissen und verscharrt wo keine
Hände wühlen, in bald’ger Grabeserde,
Damit die Hure, der du dich hingabst,
noch zu deinem Zuhälter werde.

Wer mag hier noch mit seiner Zeit
in innigster Umarmung liegen?
So sie stetig ferner rückt, flüchtet
und alternativlos droht zu versiegen.
Zeit ist und bleibt nicht länger gelassen,
sie ist entrückt und raubt.
In der Verzweiflung eines Seins
um zu verrinnen, sei kein Zweifel erlaubt.

Dem niederen Zweifel gegenüber
hehren Zielen, sei keine Zeit gegönnt,
Denn nur das Weiter- nicht das
Widerstreben ist‘s das vorwärts könnt.
Auch wenn vorwärts heißt:
unbemerkt im zirkelschlüß´gen Kreis zu gehen,
Trampeln all im stets entrückten Takt
und abgetrieb‘nem Zweifelsflehen.

Das Leben, das von Liebe nicht lässt,
hängt am Galgenstrick der Zeit.
Fortgerissen vom Strom, der am
Leben reißt, verlangt‘s Unendlichkeit,
Für die, denen noch zu Lieben bleibt.
Doch blind, umringt von Leere,
Springt die waidwunde Liebe
in den Schlund, der sie und alles verzehre.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Hoffnungen auf den Frühling

So kehre endlich ein, erhoffter Frühling
Der du solange auf dich warten lässt
Dieser Ort schwimmt in elender Tristesse
Über den der Wind nur Schmerzen trägt

Tauet! Eis und Schnee auf allen Wiesen
steingewordene Herzen, schlagt! springt!
Reißt auf! Himmel und Wolken, die ihr nur
Verschleiert und herabgeregnet habt

Grün! Grün! Hoffnung und Leben verlang ich
Zwischen Warten und Sterben, ist’s Zuviel?
Das mein Herz nur endlich wieder eine
Vorstellung von Leben hat, das lebenswert wär

Unbeschwertes wiederkehrendes, das nur du
Nur du! Frühling. noch ungetrübt vorleben kannst
Damit du mich, sei‘s für einen Moment, befreist
Von all dem unabänderbaren Schmerz

Überschattender zermalmender, der du
Meinen Kopf in deiner Klammer hältst
Unnachgiebig an meinen Kräften zehrst
Und dennoch so wehmütig hoffen lässt

Dass du liebster Frühling, liebstes Erblühen
Wieder in dieser Welt, all und der meinigen
Einzug hältst, wachsen, leben und lieben lässt
Damit die Welt nur wieder tragbar wär

Dienstag, 28. Februar 2012

Das Mädchen im limonengrünen Anorak

Ich war auf dem Weg heimwärts. An mir vorbei brausten Räder über nassen Straßenasphalt. Die Tage hatte es sich eingeregnet.
Vorbei an schlammbespritzten Autos rast ein Mädchen auf ihrem Roller durch kaum zu verfehlende Pfützen. Sie lässt keine aus. Der sich hinter ihr abzeichnende Berg, an dessen Hängen Häuser thronen, liegt noch völlig im wolkenverhangenen Dunkeln, während an seiner Spitze die Wolkenfronten langsam aufreißen. Regenwasser und Schlamm spritzt zu allen Seiten der kleinen Räder mit pinken Speichen. Nach links und nach rechts, an parkende und vorbeifahrende Autos. Sie beschaut ihr schmutziges Werk mit unverhohlener Freude. Umso freudiger je mehr Tiefe und Schlamm die Pfützen offenbaren. Einige beachtlich lange Salven klatschen an ihre fliegenden Leinenhosen und ihren limonengrünen Anorak. Unerwartet fliegt die Fahrertür einer der parkenden Karren auf und stößt das Mädchen krachend von ihrem Roller. Die Augen vor Schrecken geweitet, schürft das Mädchen der Länge nach den nassen Asphalt entlang. Der Fahrer hinter dem Steuer starrt auf seinen Rückspiegel. Zieht die Tür zu sich heran und stößt sie dann erneut gegen die bereits am Boden Liegende. Stur starrt er weiter in seinen Rückspiegel. Die Zähne aufeinander gepresst, zuckt ungehemmte Wut über sein verzerrtes Gesicht. Noch einmal stößt er ihr die Wagentür in die Seite, bevor er sie krachend wieder zuschlägt. Er wendet seinen Blick vom Spiegel ab und würdigt sein Opfer eines ersten direkten Blicks. Die Wut verfliegt und über sein Gesicht legt sich Müdigkeit, Trauer. Mit dem Kopf schon an einem fernen Ort, dreht er routiniert den Zündschlüssel und setzt in präzisen Bogen, knapp an dem am Boden kauernden grünen Anorak vorbei, aus der Parklücke heraus.
Die Augen schreckgeweitet, ihre Lieder zuckend ist das Gesicht des Mädchens gebettet auf Asphalt. Sie wirkt gezeichnet, die Haare grau und die Wangen eingefallen. Eine zerbrochene Brille neben ihr. Der Andere ist weg, ehe ich zu ihr gelange, ihr aufzuhelfen. Ihr Gesicht ist tröge und zerfurcht, ob der angetanen Gewalt. Verwundert bemerke ich ihr Alter. Nun beschreibt ihr Gesicht ein dankbares Lächeln.
Nicht die Zeit, Gewalt raubte ihr die vorherrschende Jugend. Dieser Moment des aufschäumenden Hasses und der unverblümten Gewalt, die sie sonst nur durch den Schleier einer wohlgehüteten Distanz wahrnahm, raubte ihr den frohen Augenblick, solle er auch nicht lange weilen, wieder Kind zu sein. Ihr Lächeln erstarb und ihr Gesicht blieb starr, den ganzen Weg den ich ihr nachsah.

Montag, 27. Februar 2012

Der Blick aus dem Fenster

Wir stehen vor unseren Fenstern.
Sehen hinaus auf blühendes Leben
und hinab auf einen möglichen Fall.
Wartend. Auf die Gelegenheit
Zum möglichen Sprunge in Tod
Oder Freiheit eines Augenblickes.

Starr und unbeweglich
Durch das verschmiert verschlossene
Fenster, ist der Blick aufeinander
Nur trüb, verschleiert und versperrt.
Taub und blind läuft, redet
Und schlägt der Andere vorbei,
Gegen die Wände und Fenster
Seines Selbst, das er nicht sehen
Kann, noch sehen will.
Das er nur in enge Formen
und strenge Bahnen presst.

Der Tod dauert ein Leben lang.
Und allein das verkümmert
Vergessene Gefühl
Vermag ein Fenster darin
Zu öffnen.

Freitag, 24. Februar 2012

Prekäre Stimmen am tauben Ohr

Ich bin
Umringt von prekären Stimmen
Die nur dumpf durch alle Wände
An meine Ohren klingen
Es hämmert an Tür und Wand
Ihr unbeugbarer Drang
Doch ohnmächtig
Sprechen sie im Chor
Gewillt, dass jeder Einzelne
Den Anderen nur übertöne
Ohne gemeinsamen Sinn

Ist der Raum nun auch
Ausgefüllt von vollem Laut
Stößt er doch auf taube Ohren
Und bleibt schlicht unerhört
Doch wollt ich ihm
Nur einen Augenblicke lauschen
Bleibt‘s stummes Gebrüll
Eines unerhörten Willens
Der da selbst im trüben Meer
Einer allzu einsamen
Ungewissheit schwimmt und schlägt
Nach den zum Halse stehenden
Wassern

Donnerstag, 16. Februar 2012

Gewinner oder Verlierer, was nun?

Es lief ein Kampf in der Kneipe
Ein Großer vertrimmt
Den Kleinen, auf Leinwand
Unspektakulär
Einer schlug mit der linken Geraden
Zog mit einer langen Rechten nach
Und brachte den Anderen ins Taumeln
Einer setzte nach
Einer musste gewinnen
Es zu Ende bringen
Der Andere verlor
Beide wussten das

Man trank
Bis man sich sagte
Das könne man doch besser
Ein Pärchen fand sich rasch
Der Rest johlte Drumherum
Oder warf sich dazwischen
Alle waren eingespannt

Hier gab’s genug Tragödie
In jedem einzelnen Leben
Das darauf hoffen ließ
Einer könnte dem Anderen
Endlich endgültig
Den schweren Kopf von
Den Schultern reißen

Doch hier verloren Beide
Denn Keiner wollte gewinnen

Mittwoch, 15. Februar 2012

Wenn der Schnee schmilzt

Der Schnee schmilzt
Und rinnt dahin
Rinnt dahin und kriecht
In die bröckelnden Sohlen
Von ausgelatschten Schuhen
Es verbleibt
Das stinkende Rinnsal
Löchriger Socken
Eines zum Verbrauch geborenen
Mensch
Der keine eigenen Ziele kennt
Noch eigene Wege weiß
Die zu latschen wären
Wo nur der Morast
Zertrampelter Wege
Auf allen Pfaden schmatzt
Und spritzt
Zum Himmel
Aller Ungeborenen

Gott lob‘ s Bier
Gott lobe den Wein
Lobe den Schein
Gott! lass‘ s Sein
Er zog ihn aus
Seinen Schuh, und
Schoss sich damit tot
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Die Phiole des Homunkulus

"Gib nach dem löblichen Verlangen - Von vorn die Schöpfung anzufangen, - Zu raschem Wirken sei bereit! - Da regst du dich nach ewigen Normen, - Durch tausend abertausend Formen, - Und bis zum Menschen hast du Zeit."

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